DT64/MDR Sputnik - En Press Is Good Press Das Jahr 1992

Kurz vor Ultimo, kurz vor dem im Rundfunkstaatsvertrag besiegelten Ende des DDR-Rundfunks und damit auch des Jugendradios, wurde DT64 vom neugegründeten Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) übernommen. DT64 konnte damit am 01.01.1992 weitersenden. Zumindest für ein halbes Jahr, zumindest im MDR-Sendegebiet (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen). Denn dann waren die DT64-UKW-Frequenzen im Sendegebiet des MDR schon an den künftigen privaten Rundfunk vergeben. Da jedoch keine UKW-Frequenzen gefunden werden konnten, ging DT64 am 01.07.1992 vollständig auf Mittelwelle. Die Frequenz wurde sich vom Nachrichtensender mdr info geliehen. In Berlin und Brandenburg veranstaltete der ORB eine eigene Jugendwelle, das Rockradio B. In der Sendepause wurde das DT64-Programm übernommen.

Im Folgenden einige Presseberichte über das weitere Schicksal von Jugendradio DT64 im Jahre 1992.

Junge Welt 31.12.1991:

DT64 wird gestutzt

Berlin. DT64 wird voraussichtlich ab Montag in Berlin und Brandenburg kräftig zurechtgestutzt. Rockradio B, das ORB-Jugendprogramm, will dann zwölf Stunden auf DT-Frequenzen senden.

Junge Welt 17.01.1992:

ORB schiebt MDR DT64 in die Schuhe

Berlin (ADN/JW). Entgegen der Behauptung des Chefreadkteurs von DT64 und der Freunde des Jugendradios ist eine mögliche überregionale Lösung nicht am ORB gescheitert, so der ORB am Mittwoch in einer Presseerklärung. Aus einem Gespräch zwischen den Intendanten von MDR, ORB und SFB habe sich ergeben, daß der MDR eine Weiterexistenz von DT64 über den 30. Juni hinaus nicht garantieren kann. Damit sei eine Vereinbarung, ein kooperatives Jugendprogramm von MDR (DT64), SFB (Radio 4 U) und ORB (Rockradio B) zu veranstalten, nicht mehr möglich gewesen.

Junge Welt 17.01.1992:

DT64: Aus im Norden

Schwerin. Mit der knappen Mehrheit von CDU und FDP hat der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern entschieden, daß sich die Regierung nicht für DT64 im Norden einsetzen will.

Junge Welt 22.01.1992:

Nordlichter sind weiter DT-aktiv

Schwerin (JW). Ein Boot, das einen Piratensender symbolisierte, setzten gestern nachmittag Mitglieder der Schweriner Hörer-Initiative im Rahmen eines Aktionstages zur Rettung von DT64 auf dem Pfaffenteich inmitten der mecklenburgisch-vorpommerschen Landeshauptstadt aus. Wir wollen, daß Jugendradio für unser Bundesland erhalten bleibt. Wir schlagen vor, daß es zunächst bis zum Mai auf der vom NDR übernommenen Ferienwellenfrequenz ausgestrahlt wird, bis dort die NDR-Ferienwelle auf Sendung geht, sagte Susanne Vetter zum Anliegen. Demselben dienen auch die täglich nachmittags stattfindenden Schlafstörungen. Die DT-Freunde in Neubrandenburg, sechs befinden sich im Hungerstreik, wollen ihrerseits heute abend demonstrieren.

Junge Welt 22.01.1992:

ORB: Aus für DT64

Berlin. Der Rundfunkrat des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) hat sich gestern abend für ein gemeinsames Jugendprogramm mit dem SFB entschieden. DT64 soll deshalb auf seiner Frequenz 102,6 MHz den Sendebetrieb einstellen.

Junge Welt 25.01.1992:

Rocker als rettende Ritter?

Auf die Dauer hilft nur Power - Deshalb heute auf nach Berlin-Weißensee zum Rockkonzert für DT64!

dpa/JW. Mit einem großen Konzert wollen heute über 20 deutsche Rockbands gegen die Auflösung des Jugendradios DT 664 protestieren.

Zwei Tage vor der ursprünglich geplanten Abschaltung des Senders werden in der großen Halle des Berliner Sportforums Weißensee unter anderem Die Art, Silly und die Abstürzenden Brieftauben spielen. Das teilte der Verein der Freunde des Jugendradio DT64 gestern mit.

Außerdem wird mit Hilfe privater Sponsoren auch DT64-Fans aus Leipzig die Gelegenheit gegeben, das Konzert zu besuchen. Der frühere DDR-Regierungszug wurde gechartert, um die DT64-Hörer kostenlos nach Berlin zu bringen.

In Leipzig will Udo Lindenberg das Signal zur Abfahrt für den Sonderzug nach Pankow geben. Im Berliner Hauptbahnhof wird der Zug dann um 13.51 Uhr erwartet.

Mit der Zukunft von Jugendradio DT64 in Berlin und Brandenburg beschäftigte sich auf seiner gestrigen Sitzung der Kabelrat. Ergebnisse lagen bis Redaktionsschluß nicht vor. Auf der Tagesordnung stand darüber hinaus die Zukunft von RIAS 2 sowie die Vergabe einer neuen UKW-Hörfunk- und einer TV-Frequenz.

Junge Welt 27.01.1992:

Gegen die Übermacht der Musik-Computer

3500 Fans kamen zum Rockmarathon für die Erhaltung von Jugendradio DT64

Es war Der Sonderzug nach Pankow und die Kelle zur Abfahrt hielt Oberindianer Lindenberg. Bis es aber dazu kam, zelebrierte er seine Show: ohne Begleitschutz wollte Udo den Weg vom Hotel gegenüber nicht wagen. Erst als 15 Bahnpolizisten und ein Barkas bereitstanden, ließ er sich zum Zug transportieren. Ergebnis: Verspätung für zwei Züge aus Bitterfeld...

Über 25 Bands wollten im Weißenseer Sportforum beim Rockmarathon für die Erhaltung von DT64 spielen (in nur drei Tagen von Musik-Szene e.V., LTT und den Freunden des Jugendradios organisiert), doch die Zeit reichte nicht für alle. Aus Hamburg und Sonneberg, aus Hannover und Leipzig waren die Musiker angereist - Creme und Amateure mit Bands wie Die Art, Big Savod, Dietrich Kittner, Die Wahnfrieds, Hans am Felsen, Die abstürzenden Brieftauben, Cäsar... 3500 Besucher waren der gleichen Meinung, trotz der etwas chaotischen Organisation. Fabsi von den Mimmis meinte: DT64 muß für ganz Deutschalnd bleiben. Im Westen wirst du von einem Privatsender gerade mal gespielt, wenn du ein Konzert in der Nähe hast. Unser Songs 'Gebt den Faschisten keine neue Chance' wird boykottiert - nicht von DT64. Und Torsten aus Hamburg von der Zunge zerbrechenden Band OSTZONENSUPPENWÜRFELMACHENKREBS ergänzt: Was sich die unabhängige Kulturlandschaft von den Privaten erhofft hat, ist nicht eingetreten. Statt Musikredakteuren gibt es Musik vom Computer. Dirk Michaelis war zur Stelle, weil der Sender uns immer geholfen hat, unsere Songs zu popularisieren. Jetzt braucht er uns und wir können zurückgeben. Über die weitere Zukunft von DT wird in den kommenden beiden Tagen in Leipzig auf einer ARD-Tagung entschieden. Ob der ORB sich von den 350 000 gesammelten Unterschriften, 80 gegründeten Vereinen (30 davon in den alten Ländern) und dem Lärm der Rocker beeindrucken läßt? (Christine Wagner)

Junge Welt 17.02.1992:

DT64-Freunde fordern nationalen Jugendfunk

Netzwerk bereitet medienploitischen Kongreß vor / Karneval in Berlin

Eine eigenständige, deutschlandweit sendende Rundfunkanstalt für die Jugend auf der Basis eines Staatsvertrages der Bundesländer soll her. Auf diese Forderung einigten sich 70 Mitglieder von DT64-Initiativen aus den Ostländern sowie Niedersachsen, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg am Wochenende während eines Netzwerktreffens auf der Rochsburg im sächsischen Landkreis Rochlitz. Man habe die Alternative DT64 las mit anderen Funkhäusern kooperierende MDR-Anstalt zwar noch nicht gänzlich abgeschrieben, so Roland Kilper von der gastgebenden Chemnitzer Initiative gegenüber JW, jedoch sei ein eigenständiger Sender als Streit-, Problem- und Inforadio für Jugendliche mit einem Deutschlandfunk/ DS Kultur vergleichbaren Status eher politisch durchsetzbar und leichter finanzierbar.Die monatliche Belastung jedes deutschen Gebührenzahlers betrage bei Realisierung des Projekts ganze vier Pfennig.

Zu dessen detaillierter Ausarbeitung wollen die DT-Initiativen im April voraussichtlich in Leipzig einen medienpolitischen Kongreß organisieren, zu dem alle deutschen Parteien eingeladen werden. Für eine gemeinsame große Aktion im Mai zur Durchsetzung ihrer Forderung wurde auf der Rochsburg ein Infonetz vereinbart, das ab sofort alle DT-Initiativen erreicht. Selbständige Aktionen der einzelnen Freundeskreise auf regionaler Ebene zum Erhalt des Jugendsenders, so ein Benefizkonzert in zwei Wochen in Schwerin, werden auch weiterhin erfolgen.

Bereits am Sonnabend entboten mehrere hundert junge Leute in Berlin ihrem Stamm-Sender unter dem Motto Von der Oder bis zum Rhein muß DT zu hören sein ein vielstimmiges Helau. Mit dem demonstrativen Karnevalsumzug zum Brandenburger Tor forderten sie den dauerhaften Erhalt des Jugendradios und dessen Ausstrahlung in Berlin und Brandenburg.

Junge Welt 20.02.1992:

Streit um Jugendradio: Kleinkrieg und Visionen

Netzwerk der Freunde von DT64 fordert nationalen Funk für junge Leute

Das Netzwerk der Freunde des Jugendradio DT64 e.V. stellte gestern auf einer Pressekonferenz erneut seine Vorstellungen zu einem künftigen nationalen Jugendfunk vor. Gleichzeitig informierten sie über die gegenwärtig verworrene Lage in Sachen DT64 und teilten mit, daß eine im Dezember eingereichte Verfassungsklage zur Weiterführung von DT64 abgelehnt wurde.

Unterdessen werden hinter den Kulissen weiter die Fäden gesponnen. Besonders schwierig ist die Situation in Berlin-Brandenburg. Denn das längst beschlossene Jugendprogramm von Berlin und Brandenburg steht momentan weit in den Sternen. Der gegenwärtige Verhandlungsstand zwischen dem Sender Freies Berlin (SFB) und dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) riecht SFB-Intendant von Lojewski so sehr nach trojanischem Pferd, daß er dem Vertrag kurzerhand seine Unterschrift versagte. Nicht klar sind: Wie das Programm genau aussieht (mehr nach Radio 4 U oder mehr wie Rockradio B, wann es startet (nach ORB- Vorstellungen bis spätestens Ende Mai), woher gesendet wird (aus dem SFB-Gebäude Masurenallee oder der Ostberliner Nalepastraße) und wer den Chef des ganzen mimt (bisheriger Vorschalg: paritätische Spitze). Und nun bemüht sich der SFB sogar um die Übernahme von RIAS 2 gemeinsam mit dem ORB. Prinzipiell kein Problem, da beide Anstalten ja je zwei eigene und zwei gemeinsame Programme senden wollten. Doch da der SFB für RIAS 2 offenbar sein Jugendprogramm Radio 4 U als Bauernopfer darbringen will, tauchen nun wieder Fragen über Fragen auf. Zum Beispiel: Wer würde die derzeit von DT64 genutzte Frequenz eigentlich bekommen? Und: Was würde ein Scheitern der Jugendwelle in Berlin-Brandenburg eigentlich für DT64 bzw. einen überregionalen Jugendfunk bedeuten?

Denn während sich die beiden Preußenländer in ihrem Kleinkrieg zerfetzen, kommen aus dem MDR-Bereich weitaus hoffnungsvollere Töne. MDR-Hörfunkchefin Sommerey nämlich unterbreitete ihrem ORB-Kollegen Hirschfeld ein Kooperationsangebot, das vom ORB als ernstzunehmend eingeschätzt wird. Grundsätzlicher Gedanke: Programm-Austausch zwischen eigenständig arbeitenden Redaktionen in verschiedenen Sendeanstalten, der letztlich wieder ein überregionales Gesamtprogramm ergeben könnte. Genauso also, wie es die Freunde des Jugendradio e.V. schon im Januar vorgeschlagen hatten. - Und wie es die Vordenker der Jugendradio- Bewegung mittlerweile sogar nur noch als Zwischenschritt auf dem Weg zu einem zukünftigen nationalen Jugendfunk betrachten.

Junge Welt 13.03.1992:

DGB-Chef für Erhalt von DT64

Berlin (dpa/JW). DGB-Chef Meyer hat sich für die gemeinsame Ausstrahlung von der Jugendwelle DT64 von allen ostdeutschen Sendern ausgesprochen. In einem Brief an die ostdeutschen Ministerpräsidenten schrieb Meyer, eine Abdeckung der neuen Ländern mit dem Programm des Jugendsenders DT64 ist technisch durchaus möglich. Man dürfe nicht den jungen Menschen in den neuen Ländern die Identität rauben. DT64-Sympathisanten hatten am Mittwoch den Berliner SPD-Landesvorstand besetzt und eine Nachbesserung des Medienstaatsvertrages mit Brandenburg gefordert.

Junde Welt 16.04.1992:

Ab 1. Oktober Jugendwelle von ORB und SFB

DT64 damit in Berlin und Brandenburg vom Sender

ADN/JW. Am 1. Oktober starten der ORB und der SFB in Potsdam ein gemeinsames 24-Stunden-Jugendprogramm. Dieses Gesprächsergebnis zwischen der ORB-Jugendwelle Rockradio B und Radio 4 U gab der ORB am Mittwoch bekannt. Demnach wird es ab 1. Juli vorerst ein koordiniertes Jugendprogramm beider Sender geben. Parallel dazu entsteht in Potsdam ein neues Studio für das Gemeinschaftsprogramm.

DT64 wird damit ab 30. Juni in Berlin und Brandenburg nicht mehr zu empfangen sein, teilte der ORB mit. Als federführender Sender sei er aber bereit, Sendungen von DT64 auch künftig zu integrieren.

Junge Welt 16.04.1992:

Die Jugend schafft den Übergang auch ohne DT64

Gespräch mit Berndt Seite (CDU), Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, über den Politikstil in seinem Bundesland

...

Frage JW: Die Radikalisierung hat ihre Ursachen auch im politischen Klima des Landes. Das spielt eine Rolle, ob jemand sich hier zu Hause fühlt. Stichwort: Ausgrenzung von DT64.

Ich will Ihnen was sagen: DT64 wird es mit mir in Mecklenburg-Vorpommern nicht geben. Ich sehe keine Möglichkeit für dessen Bestand.

Warum nicht?

Es wird auf den Wellen des NDR soviel interessante Jugendprogramme geben, daß es DT64 nicht bedarf. Wir sollten keinen Nimbus der DDR aufbauen.

Ist das nicht Ausgrenzung? Immerhin kämpfen ja viele für den Erhalt des Senders und das sehr engagiert. 5000 haben unlängst protestiert.

Ich bezweifle, ob die Mehrheit der Jugendlichen in Mecklenburg-Vorpommern den Sender erhalten will. Die Jugendlichen sollen sich demokratisch engagieren. Aber DT64 wird es hier nicht geben können. Hier in Mecklenburg-Vorpommern wächst eine hervorragende Jugend heran, die schafft den Übergang auch ohne DT64.

...
(Interview: Petra Hennicke, Martin Woldt)

Junge Welt 15.05.1992:

Streit um DT-64-Zahlen

Infas korrigiert verkürzt wiedergegebene Umfrage

45 Prozent aller Bürger der neuen Bundesländer und Berlins haben irgendwann schon einmal DT64 gehört, 3 Prozent davon hören es regelmäßig, 8 Prozent häufig, 14 Prozent gelegentlich und 20 Prozent selten. Unter Jugendlichen von 14 bis 25 schnellt die erstgenannte Zahl gar auf 67 Prozent. - Diese Ergebnisse einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Infas (Bad Godesberg) teilten die Auftraggeber der Studie vom Netzwerk der Hörerinitiativen zum Erhalt von DT64 gestern auf einer Pressekonferenz in Berlin mit. Befragt wurden im April 1992 1036 Ostdeutsche - und zwar in jedem repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt, mit dem Infas gemeinhin Wahlergebnisse voraussagt. Leider kursierte dieses Ergebnis schon in den letzten Tagen in einer Variante, durch die sich infas zu einer öffentlichen Korrektur veranlaßt sah. Es sei ein falscher Eindruck vermittelt worden, so infas, denn nur 3 Prozent der Neubundesbürger sind tatsächlich regelmäßige DT-Hörer. Damit, so das Institut weiter, seien die Veränderungen der ostdeutschen Medienlandschaft auch an DT64 nicht spurlos vorbeigegangen. Im Vergleich zum ostdeutschen Marktanteil von derzeit 2,3 Prozent, habe er im vergangenen Jahr noch bei 4,8 Prozent gelegen.

Doch nicht nur diese offenbar sehr verschieden zu interpretierenden Zahlen (am meisten wird DT64 übrigens in Sachsen-Anhalt und Thüringen gehört) erbrachte die Infas-Untersuchung, sondern zugleich Fakten darüber, warum DT64 eingeschaltet wird: Berichtet viel über neue Bundesländer, hilft beim Zusammenwachsen; Hörer werden einbezogen, keine Werbung, viele Spezialsendungen usw. usf. Als wichtigste Eigenschaft für ein Jugendradio wurde ein breites Musik- und Meinungsspektrum genannt. Außerdem sprachen sich insgesamt 65 Prozent aller Befragten für ein überregionales Jugendradio aus. Soweit ein knapper Überblick zu den Analyseergebnissen, JW wird sich dem noch ausführlicher widmen.

Unabhängig von der ganzen Zahlenspielerei läuft am Wochenende wieder ein bundesweiter Aktionstag für DT64. Unterm Motto Lebenslichter für DT 64 werden vor ostdeutschen Rathäusern und Landtagen Kerzen für den Sender brennen. (Jana Weber)

Junge Welt 11.06.1992:

DT64 auf dem Weg in das Reich der Mitte

Drei Wochen vor Ultimo bereitet sich das DT-64-Team auf zwei Umzüge vor: Zum einen von UKW auf Mittelwelle, zum anderen von Berlin nach Leipzig.

Von Petra Hennicke. Damals, am 13. September ´91, sollte es ein Schock sein. Um die DT-64-Hörer von den Sofas auf die Straßen zu holen, meldete sich Jugendradio einen Tag lang als rauschender Piratensender. Heute, müde drei Wochen vorm angedrohten Ende der Station am 30.6., sieht alles so aus, als würde DT64 tatsächlich als Kultsender das Juni- Ende überdauern. Nach dem gegenwärtigen Stand der der Dinge soll DT64, das Jugendprogramm des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), ab Juli auf Mittelwelle zu hören sein.

Was in der Belegschaft mehr oder weniger als beschlossene Sache gilt, klingt aus dem Mund von MDR-Hörfunkchefin Carola Sommerey allerdings etwas vorsichtiger: Wenn Sie mich fragen, ob DT64 am 30.6. noch sendet, sage ich Ihnen offen: Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht. Zu der Mittelwellenvariante hieß es zunächst gegenüber JW: Dazu kann ich jetzt nichts sagen, denn die Verhandlungen sind mitten im Schwange. Später wurde Carola Sommerey dann noch etwas gesprächiger: Wenn wir die Mittelwellenfrequenzen voll fahren, könnten wir bis China senden. Auf jeden Fall aber wieder bis Rostock. Einzige Bedingung, ohne die ich überhaupt nichts durchsetzen könnte, sei der Umzug der DT-64-Mannschaft nach Leipzig bis spätestens 1993. Alle bisherigen Hoffnungen, wie Einspeisung in den Satellit oder Stadtfrequenzen in Ballungsräumen, hätten sich inzwischen zerschlagen. Kurz vor Pfingsten sei nun auch aus Sachsen das definitive Nein gekommen, nachdem Sachsen-Anhalt und Thüringen schon vorher abgewunken hatten. Damit scheint die Frage nach UKW-Frequenzen - übrigens auch in Berlin - ein für allemal beantwortet, zumal die bisher belegten Frequenzen definitiv geräumt werden.

Innerhalb des DT-64-Teams ist man indes bereit, auch diese Kröten zu schlucken. Die Leute sind natürlich nicht begeistert davon, auf Mittelwelle zu senden oder nach Leipzig zu gehen, so DT-64-Moderator Andreas Ulrich, aber die Mehrheit in der Redaktion ist doch bereit, auch unter diesen Bedingungen weiterzusenden. Bis auf ein paar freie Mitarbeiter haben die meisten DT-64-Leute erst einmal Ja gesagt - und zwar aus den verschiedensten Gründen. Da wären die einen, die Anfang des Jahres sehr bewußt bei DT64 geblieben sind, und sich nun wieder für den Sender und dessen Hörer entschieden haben. Und da wären die anderen, die sich sagen: Lieber Leipzig als arbeitslos. Sie hoffen außerdem, daß der Umzug frühestens im Herbst aktuell ist. Bis dahin, so wissen ja alle, die bisher näher mit DT64 zu tun hatten, bis dahin kann noch sehr viel passieren. Und das Versprechen vom brandenburgischen Hörfunkdirektor Hirschfeld, daß Rockradio B - bei einer Bestandsgarantie für DT64 - vielleicht doch lieber mit dem Ost-Produkt statt der Westwelle Radio 4 U fusionieren wolle, ist keineswegs vergessen.

Am 29. Juni feiert DT64 Geburtstag. Nun können wir alle dreimal raten, was sich die Eastside-Station zum 28. Geburtstag wohl am sehnlichsten wünscht. Kleiner Tip von der Redaktion: Es muß nicht immer China sein.

Mitteldeutscher Express 09.07.1992:

DT64: Sachsens Politiker drehen Rockmusik heute den Ton ab

(Von Norbert Wehrstedt.) Unglaublich! DT64 gehen heute auf Mittelwelle alle Töne aus. Abschaltung! Grund: Der Mitteldeutsche Rundfunk (mdr) überträgt Donnerstag und Freitag auf der DT-Frequenz (1044 kHz) die Sitzung des Sächsischen Landtags.

Rechtens. Denn lange vor dem DT-Rutsch ins Mittelwellen-Rauschen gab es eine Vereinbarung zwischen Landtags-Fraktionen und dem mdr zu diesen Marathon-Übertragungen.

mdr-Hörfunkchefin Karola Sommerey: Besser wäre sicher eine journalistische Kurz-Berichterstattung. Außerdem müßten jetzt eigentlich die Abgeordneten, die für DT64 sind, eine Geste gegen das Abschalten machen. Ich setze für die Zukunft auf Vernunft.

Die bleibt heute und morgen erst mal ausgeschaltet - wie das DT64- Programm. Denn eigentlich braucht Sachsens Landtag die Mittelwelle 1044 kHz gar nicht. Der Staatskanzlei steht nämlich noch die Mittelwellen- Frequenz 1431 kHz zur Verfügung. Ein 20-KW-Sender, der völlig ausreichen würde.

Boris Wedel, Büro DT-Chefredaktion: Das hätte man der Telekom aber vorher sagen müssen. Die braucht zwei Tage, um den Sender herzurichten. Gestern abend wurde beim mdr geprüft, ob die Kanzlei-Frequenz wenigstens für den Freitag sendeklar zu machen ist. Ergebnis der viel zu späten Prüfung: Unklar.

So sorgt der mdr nun dafür, daß die Reden aus Sachsens Landtag bis nach Bayern hinein zu empfangen sind - weil die DT-Frequenz einen 250-KW- Sender hat. Karola Sommerey: Darin liegt natürlich überhaupt kein Sinn.

Boris Wedel: Wir befürchten nach der Probeschaltung, daß DT bei jeder weiteren Landtagssitzung aus dem Radio verschwindet. Ein erster Schritt zur Total-Abschaltung. Nicht ganz. Denn für die Sitzungspausen der Abgeordneten bestellte der mdr Musikbänder beim Jugendsender - mit flotten Rhythmen.

Mitteldeutscher Express 10.07.1992:

Landtag weiter auf DT-Frequenz

Dresden - Der sächsische Landtag wird auch in Zukunft auf der Mittelwellen-Frequenz von DT64 übertragen. Das erklärte gestern Günter Meyer, Chef der sächsischen Staatskanzlei, dem mdr. Hörfunkchefin Karola Sommerey zum EXPRESS: Wir haben eine neue Frequenz angeboten. Antwort der Staatskanzlei: Nein!

Telekom hatte mdr die Frequenz bekanntgegeben, nachdem DT-Hörer bei der Post protestierten.

Junge Welt 16.12.1992:

Beklagenswerte Kläglichkeit

Sachsen. Falsche Beklagte, falsche Kläger und falsche Klagen im Dresdner Prozeß um DT64. Das Hornberger Schießen nahm unter diesen Voraussetzungen seinen Lauf. Die Klage gegen die Quasi-Abwicklung des Senders wird dennoch aufrechterhalten.

Westphal gegen Biedenkopf - überall in der Stadt machten Handzettel des Freundeskreises DT64 auf die bevorstehende Verhandlung vor der dritten Kammer des Dresdner Verwaltungsgerichtes aufmerksam. Immerhin suchten Gericht und Kläger schließlich gemeinsam nach einem geldsparenden Weg, die Fan-Klage auf juristisch saubere Weise loszuwerden. Die Klage des selbstbewußten Hans-Jürgen Westphal, der in Dresden nach seinem Einsatz für den Mietstopp und die Gerechtigkeitskomitees schon einen Namen hat: Trotz erhöhter Gebühren sei mit der Verbannung von DT64 auf die Mittelwelle am 1. Juli eine öffentlich-rechtliche Leistung durch den Freistaat gemindert worden.

Alle Beteiligten fühlten sich zunächst einmal veralbert; Westphal & Freunde bereits im Vorfeld, als sie wenige Tage vor Verhandlungsbeginn erfuhren, daß anstelle der Staatsregierung die Landesanstalt für private Medien als eigentlich zu Beklagende eingeladen war. Ein Fehler, den das Gericht später zugestand. Die gestern zahlreich erschienenen Fans mochten wohl dann das Gericht nicht so ernst nehmen. Ein fescher junger Bajuware als Vorsitzender, der sich überdies erkundigte, was denn DT64 eigentlich sei und ob die sächsische Verfassung ein Volksbegehren vorsehe. Der verwahrlost wirkende Beisitzer neben ihm, ein Bodenständiger, gab sich zu aller Überraschung als amtierender Vorsitzender der Kammer zu erkennen. Das Gericht war dann seinerseits nahe am Ordnungsruf, als Westphal den Apercu fallenließ, man sei von Ost-Qualität UKW-Stereo zu West-Qualität MW-Mono gelangt.

Die Sache selbst war dann eigentlich in einem Satz gegessen: Westphal dürfe eigentlich gar nicht klagen, da seine persönlichen Rechte nicht verletzt seien und ein Eingriff in eine sogenannte drittschützende Norm nicht zu erkennen sei. Formal denkbar wäre eine Klage der DT-Macher gegen den MDR, denn das Jugendradio selbst ist nach der Abwicklung des Staatsrundfunks keine juristische Person mehr, oder eine Klage des MDR gegen den Freistaat, der die jetzt vom Privatsender PSR genutzte Frequenz ja ausgeschrieben hatte - reine Science fiction! Westphal hielt schließlich die Klage aufrecht, die in einigen Monaten gegen den richtigen Gegner, den Freistaat, wiederverhandelt werden soll. Allerdings ohne Aufsicht auf Erfolg. (Michael Bartsch)

Junge Welt 17.12.1992:

ORB ohne Jugendradio?

Brandenburg. Der ORB-Rundfunkrat sah sich gestern bei seiner letzten Sitzung in diesem Jahr noch einmal geharnischtem Protest der DT64- Kämpfer gegenüber. Doch am allzu smarten FRITZ!-Konzept werden keine Abstriche gemacht.

Es hätte eine ganz ruhige Rundfunkratssitzung zum Ende des Jahres sein können, Dienstag in der Schloßstraße in Potsdam. Doch schon seit 15 Uhr schallten DT64-Klänge über den Platz, wehten Transparente an den Häusern und Laternenmasten, hatten sich einige Dutzend unermüdliche DT-Kämpfer eingefunden, um dem Rundfunkrat des ORB- unterstützt von einigen seiner Mitglieder - eine Stellungnahme zu verlesen. Das FRITZ!-Konzept ist kein Jugend- sondern ein Format-Radio und hat in der Konkurrenz mit den etablierten Privaten weder finanziell, noch inhaltlich eine Chance, weil es sich nicht wesentlich davon unterscheidet. So die Jugendlichen. Sie klagten die Erfüllung der Beschlüsse dieses Gremiums ein, wo am 30.12.1991 bzw. 21.01.92 von aktivem Bemühen um eine Kooperation mit dem MDR und NDR für ein länderübergreifendes Jugendprogramm die Rede war. Hörfunkdirektor Hirschfeld seifte den Rundfunkrat kräftig ein. Doch der zukünftige FRITZ!-Programmchef Lehnert (z. Z. Chef von Radio 4 U / SFB) ist von den Radiomachern eben nicht mit freudigem Gläserklirren empfangen worden, wie es Herr Hirschfeld weismachen wollte. Lehnert (noch vor kurzem: Ich kann die Ossis nicht verstehen, und das wird wohl noch lange so sein.) wird wohl die, mit denen er und für die er Radio machen soll, noch verstehen lernen müssen. (Olaf Weinert)

Bernburger Zeitung 23.12.1992:

DT64 vor dem Aus

Sachsen gegen 24stündige MDR-Jugendwelle

Dresden (dpa). Dem populären Jugendradio DT64 droht als 24-Stunden-Programm das endgültige Aus.

Wie die Deutsche Presse-Agentur gestern erfuhr, will die sächsische Staatsregierung als Aufsichtsbehörde nicht zulassen, daß der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) rund um die Uhr eine MDR-Jugendwelle ausstrahlt. Der MDR-Rundfunkrat hatte erst kürzlich beschlossen, das Jugendradio für eine Übergangszeit auf Mittelwelle und später über Satellit zu senden. Aus Sicht der säachsischen Staatsregierung darf der MDR laut Staatsvertrag jedoch nur drei UKW-Programme veranstalten, ferner eines auf Mittelwelle. Dieser Rahmen sei ausgeschöpft. Die Dresdner Staatskanzlei regt deshalb an, Programmelemente von DT64 stundenweise in MDR life zu integrieren.

Bernburger Zeitung 24.12.1992:

DJV und SPD für MDR-Jugendradio

Dresden (dpa). Der Deutsche Journalistenverband (DJV) Sachsen und die sächsische SPD-Landtagsfraktion haben den MDR aufgefordert, ein 24- Stunden-Jugendprogramm über Satellit auszustrahlen. DJV und SPD kritisierten gestern übereinstimmend das Auslaufen der Übergangsregelung, wonach das Jugendradio DT64 nur noch bis zum 31. Dezember ausgestrahlt werden darf.

ORB-MDR-Videotext 28.12.1992:

Dresden. Die 3. Mahnwache zum Erhalt des Jugendradios DT64 hat am Monatg vor dem Kulturpalast begonnen. Nach dem Willen der Landesregierung soll es den populären Sender zum Jahresbeginn nicht mehr als Vollprogramm geben.

Bernburger Zeitung 28.12.1992:

Proteste gegen geplantes Aus von Jugendradio DT64

Dresden/Berlin (dpa). Die Proteste gegen das von der sächsischen Staatsregierung geplante Aus von Jugendradio DT64 als 24-Stunden- Programm haben auch nach den Weihnachtsfeiertagen angehalten.

Mit einer Mahnwache vor dem Dresdner Kulturpalast will der Freundeskreis von Jugendradio DT64 ab heute gegen die Entscheidung protestieren. Zugleich warf die sächsische Landtagsabgeordnete Leonore Ackermann (Bündnis 90/ die Grünen) Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) Wortbruch vor. Biedenkopf hätte bei mehreren Landtagssitzungen den Eindruck erweckt, daß er sich für die Fortführung des Jugendprogramms eingesetzt habe, sagte die Abgeordnete gestern in Dresden.

Neben der Mahnwache will sich der Freundeskreis auch mit einer Unterschriftenaktion für die Erhaltung des Jugendprogramms einsetzen, sagte Heiko Hilker vom Freundeskreis. Im Falle der geplanten Abschaltung zum 1. Januar seien Aktionen des zivilen Ungehorsams geplant.

Auch der Berliner Verein der DT-64-Freunde hat entschieden gegen die Abschaltung des MDR-Jugendsenders als 24-Stunden-Programm zum 1. Januar protestiert.

Wir fordern die sächsische Landesregierung auf, die Interessen der Hörer zu wahren und sich nicht in die Programmgestaltung einzumischen, heißt es in einer Presseerklärung. Gerade in einer Zeit, in der Gewalttätigkeiten besonders unter Jugendlichen zunehmen, zeige sich, wie dringend notwendig ein Jugendsender sei, der Konflikte nicht überspiele sondern anspreche, die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen überwinden helfe und Verständnis zwischen den Gruppen fördere.

Gleichzeitig lehnte der Verein den Vorstand der sächsischen Staatskanzlei ab, das Jugendradio-Programm in das von MDR life zu integrieren. Eine Verbindung der völlig inkompatiblen Programme wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk für die Privat-Radio-Lobby in den drei MDR-Ländern.

Bernburger Zeitung 28.12.1992:

Totenglocken läuten für den Jugendsender

Das Sack- und Esel-Spiel um DT64

Berlin/Dresden (dpa). Der Weg des Jugendradios DT64 nach der Wende ist eine schier endlose Geschichte zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Nun werden woeder einmal die Totenglocken für das Programm geläutet, diesmal meldet sich die sächsische Staatskanzlei und will der ins Auge gefaßten Übertragung per Satellit nicht zustimmen, weil sie im Staatsvertrag des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) - der den Sender DT64 seit Januar 1992 fortführt - nicht vorgesehen sei.

Die Entwicklung überrascht nicht, betrachtet man einen Brief der Staatskanzlei, der schon vor einiger Zeit beim MDR-Intendanten Udo Reiter einging. Darin wird vorgeschlagen, DT64 - das gegenwärtig aufgrund mangelnder UKW-Frequenzen auf Mittelwelle abgestrahlt wird - in das Programm MDR life zu integrieren, um dieser Welle zu besserer Hörerakzeptanz zu verhelfen. Diese Begründung macht deutlich, worum es eigentlich geht.

MDR life ist das Erfolgsprogramm im Süden der neuen Länder. Aus dem Stand heraus und noch ohne private Konkurrenz ermittelte die Media- Analyse 1992 für diese Welle eine Hörerschaft von 1,3 Millionen. Inzwischen sind in den drei MDR-Ländern mehrere Privatsender lizensiert worden. Doch die vor wenigen Tagen veröffentlichte Media-Analyse EMA-Ost weist für MDR life abermals eine sensationelle Steigerung binnen weniger Monate um eine weitere Million Hörer aus. Mit 26,8 Prozent Quote belegt das Programm den Spitzenplatz.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: MDR-Hörfunkdirektorin Karola Sommerey wollte es sich nicht mit öffentlich-rechtlichen Minderheitenwellen zufrieden gegeben und entwarf ein Programm, wie es in der Tat normalerweise private Sender erfolgreich am Markt platzieren. Ihr Konept war es, damit die notwendigen Einnahmen zu garantieren, um andere Programme werbefrei und möglichst nicht unbedingt nach Einschaltquoten ausrichten zu müssen.

Den privaten Rundfunkanbietern schlägt der Erfolg von MDR life deutlich auf den Magen. Der Werbemarkt in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist nicht groß, und jedes Prozent Marktanteil muß teuer errungen werden. So liegt die Vermutung nahe, daß sie über die Politik derzeit allesunternehmen, um ihre Quote auf Kosten des übermächtigen öffentlich-rechtlichen Konkurrenten zu erhöhen. DT64 würde hierbei nur instrumentalisiert: Man haut den Sack und meint den Esel.

Für das Jugendprogramm ist das keine neue Erfahrung. Auch in Berlin und Brandenburg verlor es auf mehr oder weniger ähnliche Weise seine Frequenzen, und auch eine Million Unterschriften seiner Hörer konnten es nicht verhindern. Die Rettungsaktion durch den MDR geschah nicht ganz uneigennützig, aber sie geschah. Daß für das musikorientierte Programm letztlich nur noch die rauschende Mittelwelle übrigblieb, war nicht die Schuld des Retters. Seither sendet man schon weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Daran wird auch die Abstrahlung über Satellit - die im übrigen kostengünstiger als die Mittelwelle wäre - nichts ändern. Kein Handlungsbedarf also füer eine Stellungnahme für DT64.

ARD-ZDF-Videotext 30.12.1992:

Regierung und Opposition in Sachsen befürworten ein Radio-Vollprogramm für die Jugend. DT64 wird vorerst auf Mittelwelle weitergesendet.

Das ist das Ergebnis von Beratungen in Dresden. Die SPD-Opposition in Sachsen hatte sich eindeutig für den Erhalt von DT64 ausgesprochen. Auch der SPD-Parteivorstand wandte sich gegen ein Aus für DT64 und forderte Sachsens Regierung zum Einlenken auf. Anfang des Jahres wollen MDR-Intendant Reiter und Sachsens Ministerpräsident Biedenkopf die offenen Fragen um DT64 klären.

Bernburger Zeitung 30.12.1992:

MDR-Jugendradio sendet weiter

Sächsische Staatsregierung für Änderung des MDR-Staatsvertrages

Dreseden (dpa). Das Jugendradio des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) bekommt über das Jahresende 1992 hinaus zumindest eine neue Gnadenfrist.

Sachsens Regierungssprecher Michael Sagurna sagte gestern in Dresden, die sächsische Staatsregierung als Aufsichtsbehörde des MDR habe kein Problem damit, die Ausstrahlung des Jugendradios als Nachfolgeprogramm von DT64 übergangsweise weiter auf Mittelwelle zuzulassen. Der sächsische Regierungssprecher erneuerte erneut die Auffassung der Regierungen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wonach der Staatsvertrag die vom MDR geplante Ausstrahlung eines Jugendprogramms über Satellit nicht zulasse. Eine notwendig werdende rasche endgültige Lösung bedinge deshalb eine Änderung des Staatsvertrages oder die Einbeziehung eines stundenweisen Jugendprogramms etwa in das Programm MDR-life.

Auch über die nächste Rundfunkratssitzung am 18. Januar hinaus sei gegen die übergangsweise Ausstrahlung eines Jugendradios als Vollprogramm über Mittelwelle nichts einzuwenden, sagte Sagurna. Die befürchtete Abschaltung des Nonstop-Jugendradios hatte in den vergangenen Tagen zu Protesten von Jugendverbänden, Parteien und DT64-Fans geführt. Anhänger des Jugendradios versammelten sich gestern vor der Staatskanzlei und versuchten - allerdings erfolglos - eine zeitweilige Blockade des Regierungssitzes.

ORB-MDR-Videotext 30.12.1992:

'Fritz' geht am 1. März auf Sendung

Das neue ORB-Jugendhörfunkprogramm Fritz wird in der Nacht zu 1. März auf Sendnung gehen. Das bestätigte ORB-Pressesprecher Füger am Mittwoch.

Fritz ersetzt auf 102,6 MHz (Berlin) die bis dahin laufenden Jugendsendungen Radio 4 U aus Berlin und Rockradio B aus Brandenburg, die sich diese Frequenz derzeit teilen. Offen ist laut Füger noch die Übernahme des MDR-Jugendprogramm DT64 in den Nachtstunden.