DT64/MDR Sputnik - En Press Is Good Press Das Jahr 1994

Im Folgenden einige Presseberichte über die weiteren Entwicklungen von MDR Sputnik im Jahr 1994.

Mitteldeutsche Zeitung 07.03.1994:

Radio ist Theater im Kopf

Nach dem Umzug von der Spree an die Saale will der Jugendsender Sputnik in Sachsen-Anhalt heimisch werden

Von Stephan Finsterbusch. Halle/MZ. Mit großen, cowboybestiefelten Schritten eilt Michael Schiewack durch die niedrige Mansarde mit Blick auf Halles Franckeschen Stiftungen, wirft sich in den breiten Ledersessel hinter dem weiten Arbeitstisch, schiebt ein Demo in den Hifi-Turm, fährt sich über seinen grauen Zopf und dreht den Regler nach oben.

Durch die Boxen der niedrigen Mansarde pfeift Unerhörtes; rockende Kommentare, rappende Berichte, walzernde Reportagen; griffig, riffig, gut. Power von der Eastside. Willkommen bei MDR-Sputnik, dem "Radio- Avantgarde" aus dem All.

Was hier vom Funkhaus Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) am halleschen Waisenhausring alltäglich als ehrgeiziges Pilotprojekt über Satellit in den Äther getrommelt wird, sucht seinesgleichen, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa. Was wir machen, ist die Fortsetzung der Musik mit anderen Mitteln, berlinert Schiewack mit blitzenden Augen, steckt sich eine Lucky Strike an und dampft los.

Die Mittel, erklärt der studierte Kuluträsthet, seien ein durchdigitalisiertes Verbundnetz einzelner Workstations, das aus einem nahezu unbegrenzten soundtechnischen Speicherpool schöpfen kann und dazu ein 50köpfiges hochmotiviertes Team, mit dem ein Programm produziert wird, das den Sputnik auf seine eigenwillige Bahn schickt. "Radio", sagt Schiewack, und der schwarz-rote Sputnik-Sticker an seinem Revers blinkt dabei wie ein kleines Stand-by-Lämpchen, Radio, dit is der Soundtrack zum persönlichen Film, dit is wie Theater im Kopf.

Dabei ähnelte der erste Akt dieses Theaters ganz und gar nicht der Eröffnung eines fröhlich satirischen Singspiels. Hervorgegangen aus dem rundfunkmusikalischen Begleitprogramm zum FDJ-Deutschlandtreffen 1964, drohte den im '89er Herbst frech aufrockenden Radiomachern nach der Wende das Aus.

Doch abertausende Jugendliche von hüben und drüben bewahrten in monatelangen Protesten ihren Sender vor dem Versinken in den Wellen der deutschen Einigung. Bernd Saxe vom halleschen Freundeskreis sagt gelassen: Wir haben gekämpft und wir haben gewonnen.

Der sich damals etablierende MDR nahm sich der verstoßenden Kinder von der Müllkippe in der Berliner Nalepastraße (Schiewack) an und brachte sie im November vergangenen Jahres im dreitägigen hochmodernen halleschen Studio am Waisenhausring unter. Seitdem läßt man sie sich als fünftes MDR-Programm über den Satelliten Astra 1C austoben, seitdem gelten sie als ostdeutscher Exportschlager für ganz Europa.

Klar, so Saxe, sei es ein herber Schlag gewesen, daß das geliebte Programm nur noch über Satellit zu hören ist. Es sei ja sehr schön, daß man nun in den fernen schottischen Highlands zum rauchigen Whiskey die rauhe Stimme von Sputnik-Moderator Rex Joswig (Sendung Grenzpunkt Null) im Radio hören könne. Aber: die meisten von denen, die damals hier in Hallefür den Sender auf der Straße demonstrierten, können sich einfach keine Schüssel auf dem Dach leisten. Für die ist Sputnik erstmal unerreichbar, leider. So kämpfen die rund 30 noch bestehenden deutschlandweiten Freundeskreise weiter - für die Rückkehr auf UKW.

Es gibt wohl keinen anderen Sender in Deutschland, der sich örtlich und inhaltlich so sehr bewegt hat wie wir, sagt Schiewack über das einst im propagandistischen Kielwasser der FDJ dümpelnde Programm. Er nimmt einen tiefen Zug von der Filterlosen und fügt hinzu: Die Musik spielt jetzt hier, in Halle an der Saale. Und das 24 Stunden am Tag. Ob im Morgenrock, der mittäglichen Insel oder der nächtlichen Schlafstörung - Rock ist die musikalische Verpackung, und Verpackung ist Konzept, und Konzept ist alles.

Es gibt keine spezifischen Jugendthemen. Du kannst bei uns alles machen, was du willst. Schiewack, der Massenkommunikation an der Berliner Humboldt-Uni belegte, später bei Stimme der DDR anfing, vom Zensor gekündigt wurde und dann jenseits der Mauer seine Sporen verdiente, drückt die Kippe in den schwarzen Ascher und beugt sich über den Tisch. Jugend, sagt er, interessiert alles. Politik, Sport, Skandale. Die Frage sei: Wie bekomme man die Sachen rüber? Wie wickele man sie ein? Schiewack ist sich sicher: Die Verpackung ist die Kunst!

Daß die Radiomacher vom Waisenhausring aber kein knisterndes Einwickelpapier, sondern Inhalte hören lassen, weiß jeder, der seine Satellitenschüssel auf DSR-Kanal 15 einstellt. Die Wende ist vorbei. Der Allatg hat uns wieder, kommentiert Schiewack die deutsche Lage im Jahre fünf nach dem Mauerfall. Mit purer DDR-Nostalgie ist kein Blumentopf mehr fürs Radio zu gewinnen, da muß schon eine Menge mehr kommen.

So mixen die Sputniks tagtäglich ein Programm zusammen, das sich zwischen klassischen und avantgardistischen Strukturen bewegt und bei dem so ziemlich alles und jeder sein Fett wegbekommt. Der Hörer erlebt ein Universum von Klängen, Volldampfradio mit dem satirisch-kritischen Hammer. Alles, was uns jetzt noch fehlt, ist eine UKW-Frequenz. Schiewack verschränkt die Arme hinterm Kopf und blickt sehnsüchtig an die Decke.

Doch solange einer der privaten ostdeutschen Rundfunkanbieter gegen das Bestehen des Sputnikradios als fünftes Programm des MDR klagt, werden die Mannen und Frauen um Schiewack und seinen enthusiastischen Stellvertreter Ulrich Clauß mit dem Satelliten vorlieb nehmen müssen.

Hier geht es doch nur um Geld, unterstreicht Bernd Saxe. Jeder Anbieter ist ein Konkurrent was Werbequoten betrifft, ob er nun sein Programm mit Klassik, Volksmusik oder Rock aufmacht. Da versuche man schon alles, um den anderen die Sendeluft zu nehmen.

Als Pilotprojekt für den konzipierten Funkhausneubau des MDR in Halle schwebt Sputnik und sein experimentierfreudiges Satellitentheater derzeit auf einer stabilen Bahn. Da wir leider nicht direkt auf einer hörerstarken UKW-Frequenz senden, haben wir natürlich kreative Freiräume, die wir nutzen werden, die wir voll nutzen werden, meint Schiewack, seine an der Decke kreisende Blicke wieder Irdischem zuwendend. Nicht nur er weiß, daß Sputnik eine Rakete ist, die zündet. Power von der Eastside eben, riffig, griffig, gut. Und irgendwann, da sind sich die Leute vom Waisenhausring sicher, bestimmt auch wieder auf UKW.

BILD Halle 19.08.1994:

Sputnik - wie's der Sender in Kiew immer schafft

Von Johannes Paetzold. Anruf aus Kiew in der Sputnik-Redaktion. Worum geht's? Plutonium im Angebot? Neue Hiobsbotschaften aus Tschernobyl? Weit gefehlt: Gleb Butusov heißt der Anrufer, arbeitet beim Kiewer Sender Radio Roks und hat Sputnik über Astra Satellit gehört.

Ihr rockt ja richtig los, freut sich Butusov und fügt hinzu: Wollen wir nicht mal was zusammen machen? Wollen wir - am Mittwoch, 24. August, vier Stunden lang im Rock It Spezial (ab 19.03 Uhr). Seit zwei Wochen nun ist Sputnik Reporterin Pina Scholz in Kiew auf Reportagetour. Aber so hatte sie sich das nicht vorgestellt: Der ARD-Korrespondent trinkt abends Rotwein - das soll gegen die Strahlung helfen. Die SPIEGEL-Redakteurin geht mit Leibwächter zu Interviews.

Aber Kiew zeigt auch freundliche Gesichter. Auf der Straße wird Pina Scholz von fremden Menschen angesprochen und zum Abendessen eingeladen. Von Kiews Rockszene wird sie umschwärmt, jeder will mit Frau Sputnik sprechen. Auch der Bürgermeister. Wenn du mit dem nicht sprichst, wird auch aus der Radio-Kooperation nichts, vermittelt ein Offizieller. Eine tolle Stadt, stöhnt Pina beim täglichen Anruf, aber anstrengend.

Mitteldeutsche Zeitung 24.08.1994:

Radiotag auf MDR Sputnik

Vier Stunden Rock it

Halle/MZ. Anruf bei MDR Sputnik: Gleb Butusov vom Kiewer Radiosender Roks fragt Wollen wir nicht mal etwas zusammen machen? Der erste Europäische Radiotag von MDR Sputnik war am 12. November '93. Elf Sender zwischen Warschau und Mailand gestalteten ein gemeinsames Programm. Sie übernahmen das Satellitensignal von MDR-Sputnik und strahlten es terrestrisch ab. So auch heute. Reporterin Pina Scholz übermittelt dazu den Hörern Ukraine live: Musiker-Porträts, Berichte über Tschernobyl heute, über den Einfluß von Sekten und noch mehr. MDR Sputnik überträgt die Sendung europaweit über Astra, Transponder 43 (MDR TV), Stereoton auf 7,38 und 7,53 MHz, auch auf DSR-Kanal 15 und im Kabel in Halle 104,4 MHz.

Anmerkungen:

  1. Stefan Maelck und Frank Aischmann moderierten die Sendung, wobei Frank Aischmann den russischen Part dabei übernahm! Leider war kein Moderator von Radio Roks mit im Studio...
  2. Stereoton via Astra lag und liegt immer noch bei 7,38 und 7,56 MHz

BILD Halle 15.09.1994:

Christian knackte den Sputnik-Jackpot

Deutschland im Lotto-Fieber. Nach elf Wochen wurde der Jackpot geknackt. Bei mdr-Sputnik dauerte es nur fünfzehn Tage. Denn auch Halles Szenesender ließ von der Lottomanie anstecken. Täglich beim Morgenrock (von 5 bis 9 Uhr) gab's das Super-Jackpot-Spiel 3 aus 11.

Für die drei richtigen Zahlen sollte es am ersten Tag ein Pfund CD's geben. Und täglich kam ein Pfund dazu. Bis zum 11. September: um 5.37 Uhr landete Christian aus Halle den Volltreffer. Die Glückszahlen: 2, 4 und 10. Sein Gewinn: 13 Pfund CD's - macht 65 Stück.

Gestern holte sich der Maschinenbau-Pädagogikstudent seinen Gewinn ab. Für den Stammhörer und Fanclubmitglied erfüllte sich ein Traum: Endlich konnte er im Studio mal hinter die Kulissen, traf sich mit Chef Michael Schiewack und Moderator André Sander.

Und das Spielefieber bei den Sputniks geht weiter: ab kommenden Montag im Morgenrock. Wieder eine Lotterie. Der Gewinn diesmal ein CD-Player.

Anmerkung: Das nächste Spiel hieß "Telefonterror". Vorher wurde aber unter allen Beteiligten am 3 aus 11-Spiel ein Discman im Morgenrock verlost. Glücksmoderator war André Sander, Glücksfee war Uschi Grindig höchstpersönlich...

Bernburger Zeitung 17.09.1994:

Treue Hörerschaft: 150 000 schalten täglich MDR-Sputnik ein

dpa LEIPZIG/MAGDEBURG. Das Jugendradio des Mitteldeutschen Rundfunks, MDR-Sputnik, verfügt weiterhin über eine treue Hörerschaft.

Etwa 150 000 Hörer in den neuen Bundesländern schalten täglich den Jugendsender ein, teilte der MDR mit. Das sei das Ergebnis des repräsentativen FunkMedienMonitors Ost, den das Institut für angewandte Sozialwissenschaften (Infas) Bad Godesberg für das erste Halbjahr 1994 vorgelegt habe. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hörten täglich 100 000 Hörer MDR-Sputnik, in Brandenburg etwa 30 000 und in Berlin schalteten täglich 20 000 das Jugendprogramm ein. Laut Infas sei etwa die Hälfte aller Hörer jünger als 30 Jahre.

MDR-Hörfunkchefin Karola Sommerey bezeichnete diese Zahlen als eine kleine Sensation.

BILD Halle 06.10.1994:

Dr. Kaos reist aus

Von Halle nach Berlin

Chaos ist sein Programm. Und so heißt auch seine Sendung. Sputnik Moderator Karsten Blumenthal ist Dr. Kaos. Und zwar immer sonntags zwischen 15 und 18 Uhr.

In dieser Woche verläßt er die sicheren vier Wände des halleschen Studios und präsentiert seine Show außer Reihe in Berlin. Und damit auch wirklich nichts schief geht, ist im Haus Sputnik nicht Chaos, sondern absolute Disziplin verlangt.

Für die Verantwortung im FEZ in Berlin-Wuhlheide ließen die Sputniks 50000 neue Aufkleber und ein sechs Meter Plakat für die Bühne mit ihrem Logo drucken. Die technische Leitung muß den Ü-Wagen mit der mdr-Zentrale in Leipzig klarmachen, und zwei komplette Ablaufpläne wurden ausgetüftelt. Völlig verschieden : einer für die Open-Air-Bühne und einer für schlechtes Wetter. Selbst der Transport der CDs für die Sendung muß im Vorfeld akribisch organisiert sein, keine Kleinigkeit darf vergessen werden. Sonst gibt's musikalische Lücken im Programm. Außerdem: Wenn am Sonntag um 15.03 Uhr für Karsten Blumenthal das Rotlicht vor ca. 20000 Fans angeht, soll niemand merken, wieviel Vorbereitungsarbeit im Hintergrund für seine schräge Comedy-Show eigentlich notwendig war.

Anmerkungen:

  1. Also mit 20000 Fans konnten auf keinen Fall die Live-Zuschauer im FEZ gemeint sein; soviel waren es bei weitem nicht.
  2. Karsten Blumenthal hat gemeinsam mit Kai Schulze die Sendung bestritten, alias MC Bernd und DJ Hartmut.
  3. Die Veranstaltung fand nicht auf der Open-Air-Bühne, sondern im FEZ-Gebäude statt.
  4. Die Bild-Zeitung kann hellsehen, denn Anfang 1996 reiste Dr. Kaos alias Karsten Blumenthal wirklich von Halle nach Berlin aus... :-(