Das Jahr 1994
Im Folgenden einige Presseberichte über die weiteren Entwicklungen von MDR Sputnik im Jahr 1994.
Von Stephan Finsterbusch. Halle/MZ. Mit großen, cowboybestiefelten Schritten eilt Michael Schiewack durch die niedrige Mansarde mit Blick auf Halles Franckeschen Stiftungen, wirft sich in den breiten Ledersessel hinter dem weiten Arbeitstisch, schiebt ein Demo in den Hifi-Turm, fährt sich über seinen grauen Zopf und dreht den Regler nach oben.
Durch die Boxen der niedrigen Mansarde pfeift Unerhörtes; rockende Kommentare, rappende Berichte, walzernde Reportagen; griffig, riffig, gut. Power von der Eastside. Willkommen bei MDR-Sputnik, dem "Radio- Avantgarde" aus dem All.
Was hier vom Funkhaus Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) am halleschen
Waisenhausring alltäglich als ehrgeiziges Pilotprojekt über
Satellit in den Äther getrommelt wird, sucht seinesgleichen,
nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa. Was wir machen, ist
die Fortsetzung der Musik mit anderen Mitteln
, berlinert Schiewack
mit blitzenden Augen, steckt sich eine Lucky Strike an und dampft los.
Die Mittel, erklärt der studierte Kuluträsthet, seien ein
durchdigitalisiertes Verbundnetz einzelner Workstations, das aus einem
nahezu unbegrenzten soundtechnischen Speicherpool schöpfen kann
und
dazu ein 50köpfiges hochmotiviertes Team, mit dem ein Programm
produziert wird, das den Sputnik auf seine eigenwillige Bahn schickt.
"Radio", sagt Schiewack, und der schwarz-rote Sputnik-Sticker an seinem
Revers blinkt dabei wie ein kleines Stand-by-Lämpchen, Radio, dit is
der Soundtrack zum persönlichen Film, dit is wie Theater im Kopf.
Dabei ähnelte der erste Akt dieses Theaters ganz und gar nicht der Eröffnung eines fröhlich satirischen Singspiels. Hervorgegangen aus dem rundfunkmusikalischen Begleitprogramm zum FDJ-Deutschlandtreffen 1964, drohte den im '89er Herbst frech aufrockenden Radiomachern nach der Wende das Aus.
Doch abertausende Jugendliche von hüben und drüben bewahrten in
monatelangen Protesten ihren Sender vor dem Versinken in den Wellen der
deutschen Einigung. Bernd Saxe vom halleschen Freundeskreis sagt
gelassen: Wir haben gekämpft und wir haben gewonnen.
Der sich damals etablierende MDR nahm sich der verstoßenden
Kinder von der Müllkippe in der Berliner Nalepastraße
(Schiewack) an und brachte sie im November vergangenen Jahres im
dreitägigen hochmodernen halleschen Studio am Waisenhausring
unter. Seitdem läßt man sie sich als fünftes
MDR-Programm über den Satelliten Astra 1C austoben, seitdem
gelten sie als ostdeutscher Exportschlager für ganz Europa.
Klar, so Saxe, sei es ein herber Schlag gewesen, daß das
geliebte Programm nur noch über Satellit zu hören ist. Es
sei ja sehr schön, daß man nun in den fernen schottischen
Highlands zum rauchigen Whiskey die rauhe Stimme von Sputnik-Moderator
Rex Joswig (Sendung Grenzpunkt Null
) im Radio hören könne.
Aber: die meisten von denen, die damals hier in Hallefür den Sender auf der Straße
demonstrierten, können sich einfach keine Schüssel auf dem Dach leisten. Für die ist
Sputnik erstmal unerreichbar, leider.
So kämpfen die rund 30 noch bestehenden deutschlandweiten
Freundeskreise weiter - für die Rückkehr auf UKW.
Es gibt wohl keinen anderen Sender in Deutschland, der sich
örtlich und inhaltlich so sehr bewegt hat wie wir
, sagt
Schiewack über das einst im propagandistischen Kielwasser der FDJ
dümpelnde Programm. Er nimmt einen tiefen Zug von der Filterlosen
und fügt hinzu: Die Musik spielt jetzt hier, in Halle an der
Saale.
Und das 24 Stunden am Tag. Ob im Morgenrock
, der
mittäglichen Insel
oder der nächtlichen
Schlafstörung
- Rock ist die musikalische Verpackung, und
Verpackung ist Konzept, und Konzept ist alles.
Es gibt keine spezifischen Jugendthemen. Du kannst bei uns alles
machen, was du willst.
Schiewack, der Massenkommunikation an der
Berliner Humboldt-Uni belegte, später bei Stimme der DDR anfing,
vom Zensor gekündigt wurde und dann jenseits der Mauer seine
Sporen verdiente, drückt die Kippe in den schwarzen Ascher und
beugt sich über den Tisch. Jugend
, sagt er, interessiert
alles. Politik, Sport, Skandale.
Die Frage sei: Wie bekomme man die
Sachen rüber? Wie wickele man sie ein? Schiewack ist sich sicher:
Die Verpackung ist die Kunst!
Daß die Radiomacher vom Waisenhausring aber kein knisterndes
Einwickelpapier, sondern Inhalte hören lassen, weiß jeder,
der seine Satellitenschüssel auf DSR-Kanal 15 einstellt. Die
Wende ist vorbei. Der Allatg hat uns wieder
, kommentiert Schiewack
die deutsche Lage im Jahre fünf nach dem Mauerfall. Mit purer
DDR-Nostalgie ist kein Blumentopf mehr fürs Radio zu gewinnen, da
muß schon eine Menge mehr kommen.
So mixen die Sputniks tagtäglich ein Programm zusammen, das sich
zwischen klassischen und avantgardistischen Strukturen bewegt und bei
dem so ziemlich alles und jeder sein Fett wegbekommt. Der Hörer
erlebt ein Universum von Klängen, Volldampfradio mit dem
satirisch-kritischen Hammer. Alles, was uns jetzt noch fehlt, ist
eine UKW-Frequenz.
Schiewack verschränkt die Arme hinterm Kopf
und blickt sehnsüchtig an die Decke.
Doch solange einer der privaten ostdeutschen Rundfunkanbieter gegen das Bestehen des Sputnikradios als fünftes Programm des MDR klagt, werden die Mannen und Frauen um Schiewack und seinen enthusiastischen Stellvertreter Ulrich Clauß mit dem Satelliten vorlieb nehmen müssen.
Hier geht es doch nur um Geld
, unterstreicht Bernd Saxe. Jeder
Anbieter ist ein Konkurrent was Werbequoten betrifft, ob er nun sein
Programm mit Klassik, Volksmusik oder Rock aufmacht.
Da versuche man
schon alles, um den anderen die Sendeluft zu nehmen.
Als Pilotprojekt für den konzipierten Funkhausneubau des MDR in
Halle schwebt Sputnik und sein experimentierfreudiges
Satellitentheater derzeit auf einer stabilen Bahn. Da wir leider
nicht direkt auf einer hörerstarken UKW-Frequenz senden, haben
wir natürlich kreative Freiräume, die wir nutzen werden, die
wir voll nutzen werden
, meint Schiewack, seine an der Decke kreisende
Blicke wieder Irdischem zuwendend. Nicht nur er weiß, daß
Sputnik eine Rakete ist, die zündet. Power von der Eastside
eben, riffig, griffig, gut. Und irgendwann, da sind sich die Leute vom
Waisenhausring sicher, bestimmt auch wieder auf UKW.
Von Johannes Paetzold. Anruf aus Kiew in der Sputnik-Redaktion. Worum
geht's? Plutonium im Angebot? Neue Hiobsbotschaften aus Tschernobyl?
Weit gefehlt: Gleb Butusov heißt der Anrufer, arbeitet beim Kiewer
Sender Radio Roks
und hat Sputnik über Astra Satellit gehört.
Ihr rockt ja richtig los
, freut sich Butusov und fügt hinzu: Wollen
wir nicht mal was zusammen machen?
Wollen wir - am Mittwoch, 24.
August, vier Stunden lang im Rock It Spezial (ab 19.03 Uhr). Seit zwei
Wochen nun ist Sputnik Reporterin Pina Scholz in Kiew auf Reportagetour.
Aber so hatte sie sich das nicht vorgestellt: Der ARD-Korrespondent
trinkt abends Rotwein - das soll gegen die Strahlung helfen. Die
SPIEGEL-Redakteurin geht mit Leibwächter zu Interviews.
Aber Kiew zeigt auch freundliche Gesichter. Auf der Straße wird Pina
Scholz von fremden Menschen angesprochen und zum Abendessen eingeladen.
Von Kiews Rockszene wird sie umschwärmt, jeder will mit Frau Sputnik
sprechen. Auch der Bürgermeister. Wenn du mit dem nicht sprichst, wird
auch aus der Radio-Kooperation nichts
, vermittelt ein Offizieller.
Eine tolle Stadt
, stöhnt Pina beim täglichen Anruf, aber
anstrengend
.
Rock it
Halle/MZ. Anruf bei MDR Sputnik: Gleb Butusov vom Kiewer Radiosender
Roks
fragt Wollen wir nicht mal etwas zusammen machen?
Der erste
Europäische Radiotag
von MDR Sputnik war am 12. November
'93. Elf Sender zwischen Warschau und Mailand gestalteten ein
gemeinsames Programm. Sie übernahmen das Satellitensignal von
MDR-Sputnik und strahlten es terrestrisch ab. So auch
heute. Reporterin Pina Scholz übermittelt dazu den Hörern
Ukraine live: Musiker-Porträts, Berichte über Tschernobyl
heute, über den Einfluß von Sekten und noch mehr. MDR
Sputnik überträgt die Sendung europaweit über Astra,
Transponder 43 (MDR TV), Stereoton auf 7,38 und 7,53 MHz, auch auf
DSR-Kanal 15 und im Kabel in Halle 104,4 MHz.
Anmerkungen:
Deutschland im Lotto-Fieber. Nach elf Wochen wurde der Jackpot
geknackt. Bei mdr-Sputnik dauerte es nur fünfzehn Tage. Denn
auch Halles Szenesender ließ von der Lottomanie
anstecken. Täglich beim Morgenrock
(von 5 bis 9 Uhr) gab's das
Super-Jackpot-Spiel 3 aus 11.
Für die drei richtigen Zahlen sollte es am ersten Tag ein Pfund CD's geben. Und täglich kam ein Pfund dazu. Bis zum 11. September: um 5.37 Uhr landete Christian aus Halle den Volltreffer. Die Glückszahlen: 2, 4 und 10. Sein Gewinn: 13 Pfund CD's - macht 65 Stück.
Gestern holte sich der Maschinenbau-Pädagogikstudent seinen Gewinn ab. Für den Stammhörer und Fanclubmitglied erfüllte sich ein Traum: Endlich konnte er im Studio mal hinter die Kulissen, traf sich mit Chef Michael Schiewack und Moderator André Sander.
Und das Spielefieber bei den Sputniks geht weiter: ab kommenden Montag
im Morgenrock
. Wieder eine Lotterie. Der Gewinn diesmal ein
CD-Player.
Anmerkung: Das nächste Spiel hieß
"Telefonterror". Vorher wurde aber unter allen Beteiligten am 3 aus
11
-Spiel ein Discman im Morgenrock verlost. Glücksmoderator war
André Sander, Glücksfee war Uschi Grindig
höchstpersönlich...
dpa LEIPZIG/MAGDEBURG. Das Jugendradio des Mitteldeutschen Rundfunks, MDR-Sputnik, verfügt weiterhin über eine treue Hörerschaft.
Etwa 150 000 Hörer in den neuen Bundesländern schalten täglich den Jugendsender ein, teilte der MDR mit. Das sei das Ergebnis des repräsentativen FunkMedienMonitors Ost, den das Institut für angewandte Sozialwissenschaften (Infas) Bad Godesberg für das erste Halbjahr 1994 vorgelegt habe. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hörten täglich 100 000 Hörer MDR-Sputnik, in Brandenburg etwa 30 000 und in Berlin schalteten täglich 20 000 das Jugendprogramm ein. Laut Infas sei etwa die Hälfte aller Hörer jünger als 30 Jahre.
MDR-Hörfunkchefin Karola Sommerey bezeichnete diese Zahlen als eine kleine Sensation.
Chaos ist sein Programm. Und so heißt auch seine Sendung. Sputnik
Moderator Karsten Blumenthal ist Dr. Kaos
. Und zwar immer sonntags
zwischen 15 und 18 Uhr.
In dieser Woche verläßt er die sicheren vier Wände des halleschen Studios und präsentiert seine Show außer Reihe in Berlin. Und damit auch wirklich nichts schief geht, ist im Haus Sputnik nicht Chaos, sondern absolute Disziplin verlangt.
Für die Verantwortung im FEZ in Berlin-Wuhlheide ließen die Sputniks 50000 neue Aufkleber und ein sechs Meter Plakat für die Bühne mit ihrem Logo drucken. Die technische Leitung muß den Ü-Wagen mit der mdr-Zentrale in Leipzig klarmachen, und zwei komplette Ablaufpläne wurden ausgetüftelt. Völlig verschieden : einer für die Open-Air-Bühne und einer für schlechtes Wetter. Selbst der Transport der CDs für die Sendung muß im Vorfeld akribisch organisiert sein, keine Kleinigkeit darf vergessen werden. Sonst gibt's musikalische Lücken im Programm. Außerdem: Wenn am Sonntag um 15.03 Uhr für Karsten Blumenthal das Rotlicht vor ca. 20000 Fans angeht, soll niemand merken, wieviel Vorbereitungsarbeit im Hintergrund für seine schräge Comedy-Show eigentlich notwendig war.
Anmerkungen: