Das Jahr 1997
1997 sollte es soweit sein: Nach gut fünf Jahren UKW-Abstinenz und nach gut vier Jahren Weltraum-Exil kam MDR Sputnik zurück auf die Erde. Der Sender erhielt von der sachsen-anhaltinischen Staatskanzlei eine UKW-Frequenz, zunächst jedoch nur für den Großraum Halle an der Saale. Wir kommen in friedlicher Absicht
lautete denn auch ein Jingle des Senders. Doch mit der UKW-Ausstrahlung mussten die alten
(Satelliten- und Kabel-)Hörer erhebliche Programmveränderungen hinnehmen. Einige sprachen dann auch von einer Bruchlandung
. Auch die Privatradios im MDR-Sendegebiet waren nicht glücklich über die UKW-Aufschaltung, bedeutete doch dies mehr Konkurrenz im Äther.
Im Folgenden einige Presseberichte über das weitere Schicksal von MDR Sputnik im Jahr 1997.
MDR-Hörfunkchefin Molsen hat die Vorwürfe privater Radiostationen wegen der UKW-Frequenzen für MDR Sputnik und MDR info in Sachsen-Anhalt zurückgewiesen.
Beide Programme seien nicht für ein Massenpublikum gedacht und außerdem werbefrei. Den Privaten gehe also keine einzige Werbesekunde verloren. Molsen rief die Kommerz-Sender auf, dem neuen MDR-Angebot lieber mit Programmqualität entgegenzutreten als konkurrenzfreie Schutzgebiete zu fordern.
Magdeburg hatte an Sputnik eine und an MDR info acht UKW-Frequenzen
vergeben. Die Privaten warfen dem MDR daraufhin eine
Vernichtungsstrategie
vor.
Aufregung in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen: Am heutigen Montag landet MDR-Sputnik, das Jugendradio des Mitteldeutschen Rundfunks, wieder auf der Erde. Zwar bleibt der Landebreich auf den Umkreis von Halle begrenzt, aber immerhin ist der Sender, der aus dem vielgehörten Jugendradio DT 64 des DDR-Rundfunks hervorging, nach vierjährigem Tauziehen und Satelliten-Umlaufbahn wieder auf UKW zu empfangen. Die einen freuen sich darauf, die anderen protestieren.
In Erinnerung ist noch die Mobilmachung der Freundeskreise, als nach 1990 der Sender DT 64 zerschlagen werden sollte. Das konnte durch die zahlreichen Hörerproteste verhindert werden, aber DT 64 wurde zum Spielball verschiedener Interessen. Er landete 1992 beim neugegründeten kursächsischen MDR auch schon mal auf der Mittelwelle, ehe er als Sputnik ins All geschickt und via Satellit ausgestrahlt wurde. So gelang das Kunststück, den Sender unschädlich zu machen, ohne ihn zu beseitigen.
Auch wenn Sputnik nicht mehr mit DT 64 zu vergleichen ist, erfreut es sich nach Angaben von Programmchef Michael Schiewack trotz Schüssel- oder Kabelempfangs wachsender Hörerzahlen. Das Angebot ist attraktiv: werbefrei, hoher Wortanteil sowie eine Reihe von Specials. Der MDR scheint damit nun wuchern zu wollen. Hörfunkchefin Barbara Molsen will Sputnik angeblich gegen das Jugendprogramm Fritz des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) laufen lassen.
Verschiedene Protest-Aktivitäten von Privatsendern, zum Beispiel von Radio PSR in Sachsen, beweisen, wie sehr diese die Konkurenz durch das öffentlich-rechtliche Jugendradio fürchten. Es geht um drohenden Hörerverlust und damit sinkende Werbeeinnahmen. Der Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) forderte inzwischen ganz offen die Staatskanzleien in Dresden und Erfurt zu »entschiedenem Handeln« gegen den Beschluß des MDR-Rundfunkrates auf. Die Privaten hoffen dabei auf ihnen zugeneigten Politker in den thüringischen und sächsischen CDU-geführten Landesregierungen, die schon mehrfach angekündigt hatten, gegen die Landung von Sputnik auf UKW vorgehen zu wollen.
Während die SPD-geführte Landesregierung von Sachsen-Anhalt die Rückkehr des Senders auf irdische Höhen begrüßte, reagierte die Thüringer Staatskanzlei VPRT-gerecht: Regierungssprecher Hans Kaiser forderte am Donnerstag die Regierung in Dresden zu rechtlichen Schritten auf. Eine fünfte MDR-UKW-Frequenz - eben die für Sputnik - sei rechtswidrig und widerspreche dem MDR-Staatsvertrag. Der Sender hatte kurz zuvor schon das Programm MDR-Info von der Mittelwelle auf UKW verlegt. Am Freitag verkündete daraufhin die sächsische Staatsregierung, daß sie als zuständige Rechtsaufsicht über den MDR dem Sender die geplante terrestrische Ausstrahlung untersagt habe.
MDR-Sprecherin Susanne Knoll kündigte gegenüber Nachrichtenagenturen an, daß Sputnik trotzdem ab Montag
0 Uhr in der Region Halle auf UKW zu hören sein wird. Vor dem Verwaltungsgericht in Leipzig sei eine Klage mit
aufschiebender Wirkung gegen den Bescheid der sächsichen Staatsregierung eingereicht worden. Knoll
verwies darauf, daß es sich um eine lokal beschränkte
Ausstrahlung handele. Dazu reiche der Beschluß der
Regierung von Sachsen-Anhalt vom Februar dieses Jahres aus, eine UKW-Frequenz zur Verfügung zu stellen.
Sachsen und Thüringen gehen davon aus, daß laut Staatsvertrag ihre Zustimmung dazu notwendig sei.
Für den MDR geht es laut Sprecherin Knoll darum, daß ein gebührenfinanziertes Programm für Jugendliche auch
von möglichst vielen Gebührenzahlern gehört werden könne. Ein Verbot, Sputnik über UKW auszustrahlen,
beschneide die verfassungsrechtliche Entwicklungsgarantie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Michael Bartsch