DT64/MDR Sputnik - En Press Is Good Press Das Jahr 1999

+++ Schiewack wird Chef des neuen MDR-Hörfunkprogramms JUMP +++ Sendestart in der neuen Hörfunkzentrale des MDR +++ Sputnik sendet aus neuem Funkhaus +++ Die Suche nach der Lücke - Schiewack als Hoffnungsträger +++

MDR-Online Presseinfo 07.07.1999:

Michael Schiewack wird Chef des neuen MDR-Hörfunkprogramms

Barbara Molsen: Neustart mit jugendorientiertem Radio

Michael Schiewack wird Programmchef des neuen Radioprogramms, das der Mitteldeutsche Rundfunk ab Januar auf den Frequenzen von MDR LIFE starten wird. Dies teilte Hörfunkdirektorin Barbara Molsen heute in Leipzig dem Hörfunkausschuß des MDR-Rundfunkrates mit. Wie die Hörfunkdirektorin vor dem Ausschuß weiter erläuterte, sei die Entscheidung für ein völlig neues Radioprogramm vor allem vor dem Hintergrund der Ergebnisse einer repräsentativen Image- und Positionierungsstudie für MDR LIFE gefallen. Diese Studie war von Programmchef Jürgen Vogel angeregt und wurde im Mai im Auftrag des MDR von zwei Leipziger Medien- und Marktforschungsinstituten durchgeführt. Im gesamten MDR-Gebiet wurden 1.800 Testpersonen im Alter von 14 bis 49 Jahren befragt. Auch die seit Jahren sinkenden Hörerzahlen hatten zu der Entscheidung beigetragen.

Nach den Worten Barbara Molsens habe die Auswertung der Repräsentativbefragung ergeben, daß MDR LIFE vor allem ein Image- bzw. Präsentationsproblem habe, was sich nachhaltig auch auf die seit März diesen Jahres positiv veränderten Programmbestandteile auswirke. Das Programm werde trotz dieser Änderungen negativer wahrgenommen als es ist.

Die Untersuchungsergebnisse wurden im Haus intensiv ausgewertet und wir haben verschiedene Möglichkeiten erwogen, so die Hörfunkdirektorin wörtlich. Als logische Konsequenz haben wir uns für einen klaren Schnitt entschieden und beschlossen, ab Januar ein völlig neues Programm zu senden. Ein Neuanfang birgt natürlich Risiken, jedoch auch Chancen. Nun erhalten wir die Möglichkeit, das Programm als jüngere Programmalternative zu den bestehenden Radioprogrammen in Mitteldeutschland aufzubauen. Für diese Aufgabe glauben wir in Michael Schiewack, dem bisherigen Programmchef von MDR SPUTNIK, den richtigen Macher zu haben, erläuterte Molsen weiter.

Nach den Worten Molsens werde MDR SPUTNIK künftig im Bereich der Neuen Medien Radioschwerpunkte setzen und sich zudem als Internet-Radio profilieren.

Jürgen Vogel, der bisherige Programmchef von MDR LIFE, wird eine herausgehobene Aufgabe im Unternehmensverbund der DREFA-Holding übernehmen. Die entsprechenden Gespräche laufen bereits.

Zur Person Michael Schiewack: Michael Schiewack, geboren am 2. Januar 1952 in Hoyerswerda, studierte an der Humboldt-Universität Berlin Ästhetik und Kulturwissenschaften. Nach seinem Diplom arbeitete er von 1976 bis 1980 als Redakteur und Moderator bei Stimme der DDR, von 1981 bis 1986 war er Redakteur beim Henschel-Verlag/Kunst und Gesellschaft. Er siedelte 1986 nach West-Berlin über, wo er als Redakteur/Regisseur beim Verein für Medienarbeit tätig war. Vom 1. September 1990 bis 31. Dezember 1991 war Schiewack Chefredakteur beim Funkhaus Berlin für das Jugendradio DT 64. Seit dem 1. Januar 1992 ist Schiewack Wellenchef bei MDR SPUTNIK.

MDR-Online Presseinfo 29.07.1999:

Sendestart in der neuen Hörfunkzentrale des MDR

MDR SPUTNIK bezieht als erstes Hörfunkprogramm das neue Domizil

Am Freitag, 30. Juli, 21 Uhr, ist für MDR SPUTNIK offizieller Sendestart aus der neuen Hörfunkzentrale des MDR in Halle.

Bereits am Tag zuvor hatte das Team des Jugendradios bei laufendem Programm den Umzug vom Waisenhausring in die Gerberstraße 2 bewältigt. Davon - wie auch vom Studiowechsel - haben die Hörer nichts bemerkt. Um einen solchen Umzug reibungslos zu bewältigen, ist unsere Truppe bestens geeignet, erklärte Programmchef Michael Schiewack. MDR SPUTNIK ist bei laufendem Programm aus Berlin weggezogen und hatte sich dabei zusätzlich auf den Verlust der Techniker einzustellen, und wir haben den 'Umzug der Frequenzen' erfolgreich bewältigt. Auf die Hallenser Spitze freuen wir uns riesig, wir freuen uns auf die neuen besseren Bedingungen und auf die neue Technik.

Nach und nach werden die verschiedenen Abteilungen der zentralen Hörfunkprogramme des MDR bei laufendem Sendebetrieb bis zum Herbst dieses Jahres von Leipzig nach Halle umziehen. Hier steht den Redakteuren und Technikern eines der modernsten Funkhäuser Europas zur Verfügung.

Die Hörfunkzentrale des MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNKS an der Spitze der Saalestadt wird offiziell am Sonnabend, 25. September, eingeweiht.

MDR-Videotext 02.08.1999:

SPUTNIK SENDET AUS NEUEM FUNKHAUS

Am Freitag, 30. Juli 21.00 Uhr war für MDR Sputnik offizieller Sendestart aus der neuen Hörfunkzentrale des MDR in Halle. Bereits am Vortag hatte das Team des Jugendradios bei laufendem Programm den Umzug vom Waisenhausring in die Gerberstraße 2 bewältigt.

Nach und nach werden die verschiedenen Abteilungen MDR Sputnik an die Spitze folgen. Offizielle Einweihung der neuen MDR-Hörfunkzentrale ist am 25. September 1999.

Berliner Zeitung 06.08.1999:

Die Suche nach der Lücke

Michael Schiewack als Hoffnungsträger: Er soll das erfolglose Radioprogramm MDR Life reformieren

Autor: Torsten Wahl

HISTORISCHES. Von DT 64 zu Sputnik // Seit 1990 ist Schwiewack Chefredakteur des Jugendsenders DT 64.
DT 64 war ursprünglich eine Sendung im Programm des Berliner Rundfunks, die 1964 nach dem Deutschlandtreffen der FDJ entstand. In den 80er Jahren wurde die Sendezeit ausgeweitet, seit 1987 lief DT 64 täglich 20 Stunden.
Nach der Wende gab es im Zusammenhang mit der Abwicklung des DDR-Rundfunks Auseinandersetzungen über die Zukunft des Programms. Zum Beispiel war DT 64 in Berlin/ Brandenburg zu Gunsten von Rias Berlin zeitweise abgeschaltet worden, was nach Protesten von Hörern rückgängig gemacht werden musste.
Seit 1993 ist DT 64 unter dem Namen MDR Sputnik beim Mitteldeutschen Rundfunk angesiedelt.
Schiewack soll nun zusätzlich das Radioprogramm MDR Life reformieren, das laut Mediaanalyse 1999 dramatische Hörerverluste (rund 40 000) hinnehmen musste.

Der Mann mit der Altrocker-Frisur zeigt sein Siegergrinsen. Auf meinem Tisch stapeln sich die Bewerbungen der besten Leute. Selbst aus Berlin wollen Radiomoderatoren und Redakteure scharenweise nach Halle an die Saale kommen, um unter Michael Schiewack beim Nachfolge-Programm von MDR Life zu arbeiten, das Anfang nächsten Jahres auf Sendung gehen wird.

Schiewack ist der Hoffnungsträger des MDR. Das Unterhaltungsprogramm MDR Life, zunächst der meistgehörte Sender der Region, hat dramatisch Hörer an die Privatfunker verloren und konnte auch von mehreren Chefs nicht aus dem Tief geholt werden. Schiewack soll das Programm nicht überarbeiten, sondern darf unter neuem Namen komplett neu beginnen auch personell. In drei Jahren soll die Welle wieder Marktführer sein.

Zu DDR-Zeiten angeeckt

Allzu viel vom neuen Konzept will Michael Schiewack noch nicht preisgeben der Konkurrenten wegen. Klar ist nur, dass das Programm jünger werden soll. Zwar tönt Schiewack schon seit Jahren: Unser Auftrag heißt: Denkt neu über das Radio nach. Obwohl der 47-Jährige seine Vorstellungen gern mit großen Worten beschreibt, dabei beschwörend auf sein Gegenüber einredet, arbeitet er sich nicht etwa einer fernen Vision entgegen, sondern reagiert ebenso flexibel wie entschlossen auf die Bedingungen. Er will erst mal den Markt analysieren und herausfinden: Wie groß ist die Lücke?

Diese Fähigkeit zur klaren Analyse hatte ihn zu DDR-Zeiten schnell in Schwierigkeiten gebracht. Schuld daran war auch sein profundes Kulturwissenschafts-Studium an der Humboldt-Universität, wo Mitte der siebziger Jahre kritische Philosophie-Professoren nicht den platten Marxismus-Leninismus einpaukten, sondern über die Grenzen von Marx nachdachten. Begriffe wie Klassenkampf oder Arbeiterklasse galten bei uns als pure Lyrik. Beim Sender Stimme der DDR, wo Schiewack für Hallo Das Jugendjournal mit Kollegen wie Lutz Bertram oder Wolfgang Martin arbeitete, eckte er schon beim allerersten Auftrag an. Ich sollte einen Jahrestag der Spanischen Interbrigaden mit einem Jubiläum der Oktoberrevolution verbinden. Da habe ich gesagt: Die einzige Verbindung besteht darin, dass die besten Interbrigadisten von Stalin per Genickschuss umgebracht wurden.

Nach vier Jahren bei Stimme der DDR wurde er 1980 denunziert und hinausgeworfen, fand bei der Zeitschrift Unterhaltungskunst eine neue Bleibe. Doch nach ein paar Jahren wiederholte sich das Spiel. Schiewack ging schließlich nach Westberlin, gab als ABM-Kraft das medienkritische Magazin Kanal voll heraus. Nach der Wende wurde er mit der Berufung zum Chefredakteur des Jugendsenders DT 64 zwar rehabilitiert, doch auch nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Er lenkte den Kanal konsequent in öffentlich-rechtliche Bahnen und galt deshalb bei vielen Hörern wie Machern als einer, der das selbst ernannte Protestradio, quasi die Stimme des Ostens, plattmachen wollte.

Heute mag er gar nicht mehr über die zur Legende stilisierten DT-64-Zeiten reden. Ideologisch eingefärbte Beiträge sind ihm ebenso ein Gräuel wie Musikredakteure, die nur spielen, was ihnen selbst gefällt. Dass Schiewack äußerlich mit der Aura des unangepassten, lässigen Typen erscheint, bedeutet nicht etwa, dass er selbstverliebte Lässigkeit am Mikrofon durchgehen lässt. Alles hat sich dem Sound des Senders unterzuordnen.

Mit der Abwicklung des alten DDR-Rundfunks gab es lange Diskussionen über die Zukunft von DT 64. In letzter Minute holte der Mitteldeutsche Rundfunk 1993 das Programm nach Halle und wies ihm den neuen Namen MDR Sputnik und eine Mittelwellenfrequenz zu. Das wirkte zunächst wie ein Gnadenbrot, ein Tod auf Raten. Schiewack und Co aber münzten die Nachteile in Vorteile um. Längst ist er nicht mehr von Moderatoren umgeben, die die Versetzung in die Provinz als Schicksalsschlag empfinden, sondern hier einfach arbeiten und dann das Wochenende in Berlin verbringen. So wie Schiewack selbst: In Halle nutze ich die Vorteile der Kleinstadt: Ich fahre viel Fahrrad.

Mehrfach musste sich MDR Sputnik auf die wechselnden technischen Bedingungen einstellen. Auf Mittelwelle kann ich kein Techno spielen. Hier haben wir unsere Techno-Kompetenz eingebüßt, blickt Schiewack auf die Zeit zurück, als DJs wie Marusha sich bei DT 64 einen Namen machten. Mit akustischer Musik, Rock der 60er Jahre und einem hohen Wortanteil versuchte MDR Sputnik, sich im Mittelwellenrauschen zu behaupten. Andere Hörer peilte die Jugendwelle ein, als sie Frequenzen in Satellit und Kabel bekam und mit entsprechendem Tuner der digitale Empfang möglich wurde. Wer hört schon Satellitenradio? Nur Hörer, die spezielle Angebote suchen etwa den neuen Rock der 90er. MDR Sputnik wurde mit der modernsten digitalen Studiotechnik ausgerüstet, das Programm zur Ganztags-Collage umgestaltet. Der Jugendsender erwarb sich bundesweit einen Ruf als Ausbilder und Durchlauferhitzer von Moderatoren. Wir haben das Collagieren, Montieren ausgereizt, schließt Schiewack auch diese Etappe ab. Mehr als 6-7 Prozent der Leute wird man mit diesen Formen nicht erreichen.

Mancher hätte es sich auf solch einer Spielwiese abseits des Marktes gemütlich eingerichtet, nicht so Schiewack. 1997 war sein hartnäckiges Ringen um eine UKW-Antennenfrequenz erfolgreich. In einer 50-Kilometer-Zone rings um Halle, der Zone 104,4, ist MDR Sputnik wieder terrestrisch in ordentlicher Qualität zu empfangen. Natürlich beklagt mancher Fan und Moderator den ausgebrochenen Mainstream. Doch Schiewack setzt den Klagen entgegen, dass der Sender immer noch um seine Existenz kämpfen und Resonanz vorweisen muss. Mit HipHop aus den Charts erreicht Sputnik im Hallenser Kerngebiet inzwischen neun Prozent der Hörer. Seit kurzem werden sogar die Nachrichten mit Jingles unterlegt früher eine Todsünde. Die informative Rush Hour mit dem Tagesthema dagegen wird dieser Tage abgeschafft. Die abendlichen Musikmagazine haben immer noch Qualität. Trotz der Anpassung an den Markt will sich Schiewack nicht einreden lassen, sein Sputnik unterscheide sich bald nicht mehr von der privaten Konkurrenz.

Entzauberung oder Triumph

Ebenso wenig kann er mit dem Vorschlag der PDS-Landtagsfraktionen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen anfangen, kein zweites Jugendprogramm zu starten, sondern MDR Sputnik gleich die Frequenzen von MDR Life zuzuweisen. Schiewack sieht für beide Sender völlig unterschiedliche Zielgruppen, die sich nicht nach Alter, sondern nach Hörgewohnheiten unterscheiden. Er will deshalb beide Wellen gegeneinander profilieren. Als Anreiz für den individuellen, dynamischen Nutzer, den Schiewack als typischen Sputnik-Hörer sieht, will er die Interaktivität per Internet ausbauen. Diese Hörer sitzen doch nicht mehr den ganzen Tag vor dem Radio. Die wollen ihre Sendungen abrufen, wann es ihnen passt. Die neue abendliche Hauptsendung wird, dazu passend, Sputnik.de heißen.

Manche Mainstream-Übung auf MDR Sputnik wird er für das Nachfolgeprogramm vom MDR Life übernehmen. Doch der Anspruch, einen Massensender aufzubauen, der anders als all die privaten und öffentlich-rechtlichen Dudelwellen ist, war bisher noch nie gelungen. Diese Aufgabe könnte auch die Entzauberung des Michael Schiewack werden oder sein eigentlicher Triumph.